Finnland
Von Estland auf einer der grössten Fähren der Welt her komment erreichten wir Finnland.
In einer knappen Woche von Süd nach Nord lernten wir die Kultur der Samen, das Weihnachtsmanndorf und die Mitternachtssonne das erste mal kennen.
Anschliessend ging es unserem Wendepunkt entgegen in...
Hyvää päivää!
Zu deutsch: Guten Tag! Auf die doch eher spezielle Sprache des Landes, in dem wir uns nun befinden werde ich noch zu einem späteren Zeitpunkt zu sprechen kommen...
Unabhängig geworden vor etwas mehr als 100 Jahren, nämlich am 6. Dezember 1917 von Russland (vor der russischen Herrschaft zu Schweden gehörend) ist Finnland heute Mitglied der EU und seit 2023 auch Mitglied der NATO. Nationalfeiertag ist somit auch der 6. Dezember... welch Zufall, wo es weiter nördlich in Rovaniemi (FIN) doch das bekannte und beliebte Weihnachtsmanndorf zu besichtigen gibt.
Finnland ist ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen, Heimat uralter Völker und Traditionen. Wer eiskalte Winter oder endlose Wälder und unberührte Natur sucht, wird hier fündig!
Da wir hier etwa sechs Nächte verbringen werden, kann ich euch nicht gleich alle Fakten auf einmal auf den Tisch knallen. Starten wir mit einem Punkt, in dem Finnland ganz vorne mit dabei ist: Wasser.
Finnland ist hinlänglich als das Land der tausend Seen bekannt. Wobei das noch sehr untertrieben ist. 187'888 Seen mit einer Fläche von mehr als 5Ar (500m²) gibt es hier offiziell. Das ist nach Kanada (mit weit über 2 Millionen Seen) weltweit Platz 2. Geht man mal auf Google Maps und schaut sich den südlichen Osten des Landes an wird man sehr schnell sehen, wovon ich spreche.
Auch bei der Anzahl Inseln liegt Finnland zumindest in Europa ganz weit vorne. Nach Schweden (~267.570) und Norwegen (~239.000) liegt Finnland in Europa auf Platz drei und verzeichnet über 179.000 Inseln. Hierzu sei allerdings gesagt: Die Definition einer Insel hat nichts mit der Grösse zu tun. Einzelne Felsbrocken, die aus dem Wasser ragen werden bereits als Insel gezählt.
Ausserdem ist Finnlands Landmasse zu rund einem Viertel am Meer angeschlossen. Den grössten Teil bildet hierbei der Botnische Meerbusen im Westen. Im Süden trennt der Finnische Meerbusen Finnland von Estland. Beide dieser Meeresbusen sind angeschlossen an die Ostsee.
Die Nachbarländer welche eine Landgrenze mit Finnland gemeinsam haben sind Russland im Osten und Schweden im Nordwesten. Ausserdem grenzt der gesamte Norden Finnlands an Norwegen.
Auch unser Stellplatz heute liegt in der Nähe eines Sees, dem Hiidenvesi. Etwa 50km nordwestlich der Hauptstadt Helsinki (FIN) haben wir unseren ersten Halt gemacht. Es ist übrigens erstaunlich, wie man erst eine halbe Stunde in der Grossstadt mit rund 664'000 Einwohnern umherirren kann, anschliessend den Weg doch noch raus findet und nach 15 Minuten einfach im Nirgendwo ist. In den letzten 45 Minuten der Fahrt haben wir noch etwa ein Dutzend Autos gekreuzt.
Ein Land mit einer Fläche von 338'455 km²
(übrigens Platz 7 in Europa) und gerade mal 5.5 Millionen Einwohner. Das macht Finnland mit etwa 16 Menschen pro km² zum am dünnsten besiedelten Land in der EU.
12. Mai 2025 | 18:30 Uhr (Ortszeit)
Vom Ursprung bis in die Moderne...
Nach einer ehrlicherweise nicht übermässig spannenden Fahrt über lange kurvige Strassen, umgeben von vielen Bäumen, beginnen wir heute als erstes einmal die Geschichte unserer momentanen Reiseheimat anzuschauen.
Ich versuche mich wie immer kurz zu halten und weiss jetzt schon, dass es erneut schwierig wird...
Frühgeschichtlich war die Region des heutigen Finnlands von verschiedenen indigenen Gruppen besiedelt, die hauptsächlich von Jagd, Fischerei und Landwirtschaft lebten. Archäologische Funde weisen auf eine menschliche Besiedlung seit der letzten Eiszeit (Ende vor rund 11'700 Jahren) hin.
Die Kontakte mit den Wikingern während der frühen Mittelalterzeit brachten erste Handelsbeziehungen und kulturelle Einflüsse.
Danach wurde Finnlands Geschichte vor allem von zwei Grossmächten bestimmt: Schweden und Nowgorod (RUS). Letztere Stadt wird oft als die Wiege Russlands bezeichnet. An den Ufern des Flusses Wolchow entstand ab 859 n. Chr. diese älteste russische Stadt und lag somit an der Hauptverkehrsader zwischen Ostsee und Mittelmeer.
Bereits im 12. Jahrhundert traten die beiden erstarkten Mächte in einen Wettbewerb um das von den ursprünglichen Finnen bewohnte Gebiet. Bis 1323 waren grosse Teile im Süden des heutigen Finnlands schwedisch. Ab 1595 gehörte bis auf einen schmalen Streifen im Osten die gesamte finnische Landmasse zum Königreich Schweden und ab 1617 erstreckte sich das Reich bis nach St. Petersburg und der umliegenden Region Karelien. So kam es, dass die neu eingegliederten Gebiete unter dem Namen Österland einer der vier festen Landesteile Schwedens wurden. Die damalige Hauptstadt von Österland – also des heutigen Finnlands – war Turku (FIN), ganz im Südwesten an der Küste gelegen.
Rechts eine Karte Finnlands aus dem Jahr 1662.
Gelb das Erzbistum Turku (FIN). Der Norden (blau) gehörte zum Bistum Uppsala und zählte nicht zu Finnland.
Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Finnland
Im 18. Jahrhundert schwand die Machtstellung Schwedens immer mehr. In der Folge an den grossen Nordischen Krieg (1700-1721) und dem Krieg der Hüte (1741-1743) wurden westliche Teile Finnlands an Russland abgetreten. Später als Russland erneut Schweden angriff und somit den Finnischen Krieg (1808-1809) auslöste. Da die Schweden gegen die Russen verloren wurde das gesamte heutige Gebiet Finnlands als Teil des Russischen Reiches weitgehend autonom, es entstand das Grossfürstentum Finnland.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts begann in Finnland ein finniches Nationalbewusstsein zu erwachen und allmählich zu erstarken. Nach zahlreichen Protesten, Streiks und mithilfe der Russischen Revolution (1905) wurde dem finnischen Senat erlaubt ein neues Gesetz auszuarbeiten, um mehr Mitspracherecht im russischen Reich zu erhalten.
Entgegen den Vorgaben von Zar Nikkolaus II, welcher erlaubt hatte, ein allgemeines Wahlrecht für Männer einzuführen, wurde es 1906 auch für Frauen in Finnland möglich zu wählen. Finnland war somit das erste Land in Europa und nach Australien und Neuseeland das dritte Land weltweit, welches das Frauenstimmrecht einführte.
Erst nach der Oktoberrevolution 1917 und dem damit zusammenhängenden Zusammenbruch des Zarentum in Russland erklärte Finnland am 6. Dezember 1917 seine Unabhängigkeit.
Zwei letzte Konflikte veränderten die Landmasse Finnlands noch einmal:
Mit Schweden entstand Streit, wer die bedeutsamen Åland-Inseln erhält. Eine Entscheidung des Völkerbundes sprach die Inseln 1921 Finnland zu. Die Inseln blieben aber weitgehend Autonom bis heute.
Als Folge des Winterkrieges (1939-1940) und des Fortsetzungskrieges (1941-1944) gegen Russland mussten drei Gebiete an Russland abgetreten werden: Karelien, Salla und der einzige Nordmeerzugang Petsamo. So kommt es, dass Finnland heute tatsächlich keinen Zugang zum Polarmeer hat.
Bildquelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Finnland
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich Finnland zu einem neutralen und wohlhabenden Land. Der Fokus auf Bildung, Technologie und Innovation trieb seine wirtschaftliche Entwicklung voran. Heute ist Finnland bekannt für seine fortschrittliche Gesellschaft, starke soziale Sicherheit und herausragende Bildungssysteme, und ist ein aktives Mitglied der Europäischen Union.
Ausserdem hat Finnland zusammen mit Schweden im Jahr im Mai 2022 den Antrag zur Aufnahme in die NATO gestellt und wurde vor Schweden (7. März 2024) am 4. April 2023 aufgenommen. Dies nachdem Russland im Februar 2022 die Ukraine angegriffen hat.
Wir sind heute in der Nähe von Pori (FIN) an der Westküste des Landes. Direkt am Wasser gelegen, haben wir einen ausgiebigen Strandspaziergang über die Felsen hinter uns und werden heute Abend noch den Grill (Beitrag im Foogblog) anwerfen. Dies Sonne versteckt sich ein wenig hinter den Wolken und es ist ziemlich zügig, aber das soll uns nicht weiter stören.
Morgen geht es dann weiter nordwärts, weitere Highlights in den nächsten Tagen:
- Rovaniemi (FIN) inklusive Weihnachtsmanndorf
- Skiort Levi (FIN) und dessen Umgebung
- Das "beste" Rentiergeschnetzeltes im Norden
- Das Nordkap in Norwegen, der nördlichste Punkt des europäischen Festlands und somit unser "Wendepunkt".
13. Mai. 2025 | 20:10 Uhr (Ortszeit)
An der Westküste nordwärts...
Nach einem wahnsinnig tollen und wunderschönen Sonnenuntergang gestern Abend und einem glasklaren Morgen heute haben wir uns auf den Weg weiter nordwärts gemacht. Nach über 360km sind wir nun etwas nördlich von Kokkola (FIN) angekommen.
Erneut haben wir uns einen Stellplatz am Meer gesichert, wenige Meter weiter und wir stehen im Wasser. Die Höchsttemperatur heute betrug übrigens 9°C und es war windig... sehr windig!
Übrigens, wer vor hat Finnland zu bereisen:
Tankt wenn ihr könnt und nicht wenn ihr müsst, offenbar hat jeder Finne zuhause einen privaten Dieselvorrat. Tankstellen können hier nämlich teilweise etwas rar sein, obwohl wir noch nicht einmal im fast menschenleeren Norden angekommen sind!
Wir haben bereits in Helsinki (FIN) bemerkt, dass die Ortsschilder und Wegweiser hier immer zweisprachig verfasst sind: Finnisch oben und darunter Schwedisch. Ab einem gewissen Punkt wurde das nun gedreht, nun steht oben jeweils der schwedische Ortsnamen und unten der finnische.
Dies liegt daran, dass rund um Vasaa (FIN), der Hauptstadt der Landschaft Österbotten in der wir uns befinden hauptsächlich schwedisch gesprochen wird. Wieso gerade hier? Der Botnische Meeresbusen ist hier am schmalsten, Schweden also relativ nah dran... das ist allerdings nur eine Mutmassung von mir.
In Finnland ist Schwedisch nach wie vor die zweite Amtssprache und insgesamt geben rund 5.3% der Bevölkerung Schwedisch als Muttersprache an.
Links auf dem Schild ein Ortsschild in Helsinki:
Leppävaara ist Finnisch für Alberga auf Schwedisch.
Pitäjänmäki ist Finnisch und steht für Sockenbacka auf Schwedisch. Ersteres ein Stadtteil von Espoo (FIN), letzteres ein Bezirk der Hauptstadt Helsinki (FIN).
...ja wir fanden die Ortsnamen auch zum schiessen! 😁
Allgemein hört sich die finnische Sprache ziemlich ulkig an. Stéphi traf es ziemlich gut auf den Punkt: "Das Klingt wie Kleinkinderdeutsch". Hört man dann noch eine Gruppe Kinder miteinander sprechen... kaum zu toppen!
Heute standen wir etwa 10 Minuten an der Ampel einer Baustelle... doch da war keine Baustelle ausser dem herausgerissenen Belag. Neben der Ampel stand ein mit Leuchtweste bekleideter Mann und stellte sicher, dass auch ja keiner über die rote Ampel fährt. Vielleicht ist das Finnlands Methode, um gegen die hohe Arbeitslosenquote (mit 9.4% hinter Spanien Platz 2 in Europa) anzukämpfen...
Als dann der Gegenverkehr endlich am Horizont erschien, fuhr eine Art Safety Car vorne weg, welcher bei uns angekommen wendete und den Verkehr passieren liess. Dann wurde die Ampel grün und wir durften dem Safety Car in die andere Richtung folgen. Nach etwa 2km sah man auch, was denn da überhaupt die ganze Ampelgeschichte ausgelöst hat.
Nun in der Schweiz funktioniert das so:
Man sperrt die Strasse einseitig, reisst den Belag weg, dann macht man Pause, klatscht den neuen Belag drauf und macht wieder etwas Pause, dann wird noch ein bisschen was gepinselt und nach 5 Wochen ist dann alles fertig. Hier läuft das etwas anders ab...
Ein Strassenstück von etwa 5 km wird komplett aufgerissen und dann wird der Verkehr einseitig geführt. Auf der gesperrten Seite fahren 3-4 Belagsmaschinen hintereinander, dahinter direkt die Walzen. Ich habe zwar keine Ahnung von Strassenbau, aber das wirkte dermassen effizient und beeindruckend - der Gestank war auch sehr betörend - dass ich kaum aus dem Staunen raus kam.
Dass ich mit dem Camper mal einem Safety Car hinterherfahren darf, hätte ich ja auch nicht gedacht!
Ansonsten fiel uns heute auf, wie gepflegt und teilweise wunderschön gestaltet die Finnen ihre LKWs fahren. Riesige kunstvolle Airbrush-Kunstwerke auf den Karossen, glänzend verchromte Kuhfänger oder dekorative Fahrerkabinen. Kein Fleck, kein Rost, kein Garnichts. Jedes Fahrzeug sieht aus wie frisch ab Werk.
Morgen gibt es noch einmal einen etwas fahrintensiveren Tag. Erneut warten fast 400km Strasse auf uns, Ziel: Rovaniemi (FIN), die Hauptstadt der mit Abstand grössten finnischen Landschaft (Kanton/Bundesland) Lappland. Unter anderem wurde hier Vili Saarijärvi, Verteidiger der SCL Tigers geboren.
Mehr zum Thema Lappland und seinem heute immer noch nomadisch lebenden Urvolk, den Samen erfahren wir in den nächsten Tagen! Natürlich darf ein Besuch im Weihnachtsmanndorf nicht fehlen, auch wenn wir Mitte Mai wohl etwas ausserhalb der Saison eintreffen werden.
Später findet ihr - schon wieder - einen Eintrag im Foodblog, heute mal Indoorküche, da ich bei dem Wind den Gasgrill kaum ankriegen werde.
14. Mai 2025 | 17:15 Uhr (Ortszeit)
Die grösste Stadt Europas
Zumindest was die Fläche angeht trifft das auf Rovaniemi (FIN) zu, unserem heutigen Reiseziel.
Mit einer Fläche von 8'017 km² ist die Stadt grösser als der grösste Kanton der Schweiz Graubünden mit 7'105 km².
Die grössten Gemeinden Finnlands sind übrigens Inari (FIN) (17.334 km²), gefolgt von Sodankylä (FIN) (12.415 km²), Kittilä (FIN) (8.263 km²) und dann eben schon Rovaniemi (FIN). Letztere werden wir morgen aufsuchen, erstgenannte dann übermorgen.
Der Unterschied zwischen Stadt und Gemeinde in Finnland ist übrigens ganz simpel: Es gibt keinen!
Jede Gemeinde hat das Recht sich selbst Stadt zu nennen.
Ob das bei Gemeinden wie Inari (FIN) Sinn macht... eher weniger, denn trotz der Fläche, welche 42% der gesamten Schweiz abdecken würde, leben in der weitgehend Menschenleeren Wildnis gerade mal 7'000 Einwohner.
Insgesamt gibt es in Finnland übrigens nur 309 Gemeinden und/oder Städte. Als Vergleich wieder die Heimat: In der Schweiz gibt es 2131 Gemeinden. Deutschland, welches eine ähnliche Fläche wie Finnland aufweist, hat fast 11'000 Gemeinden.
Wir durchquerten heute auf unseren fast 400km die Grossstadt Oulu (FIN), mit rund 212'000 Einwohnern die fünftgrösste Stadt des Landes.
Ich zitiere Wikipedia:
"Oulu ist berühmt für die jährlich dort stattfindende Luftgitarren-Weltmeisterschaft, die Mieskuoro Huutajat (Der schreiende Männerchor) und ein großes Angebot an kulturellen Möglichkeiten. Das Rockfestival Qstock findet seit 2003 jährlich Ende Juli in Oulu statt."
Keine Ahnung was ich dazu noch sagen soll...
...ach ja Oulu (FIN) wurde zur Kultur-Hauptstadt Europas 2026 auserwählt! (Diesmal kein Tippfehler bei der Jahreszahl, die wählen das wohl in der Zukunft)
Davon haben wir aber im Camper nicht viel mitgekriegt. Naja, ist vielleicht auch besser so. Wer weiss, ob man sich bei einem schreienden Männerchor noch aufs Fahren konzentrieren kann...
Wir hörten dann doch lieber meine Rock und Metal Playlist von Spotify, wenn man schon einmal im Land des Heavy Metals ist. Mit über 53 Bands pro 100'000 Einwohner ist Finnland nämlich Rekordhalter weltweit.
Kurz nach Oulu (FIN) begann dann meine Definition von Nichts. Erst 80km auf einer Nebenstrasse und dann 40km auf einer anderen Nebenstrasse. Auf dem ersten Teil haben wir sage und schreibe 7 Autos gekreuzt, während auf dem zweiten halbsolangen Abschnitt das Verkehrsaufkommen schon wieder rege zunahm: 16 Autos und 2 LKW's, also kurz vor stockender Verkehr... oder so.
Nach der ersten Rentiersichtung, immerhin sind wir nun offiziell in Lappland, haben wir auf einem abgelegenen Kiesplatz einen kurzen Mittagshalt gemacht und dann noch die letzten rund 100km nach Rovaniemi (FIN) unter die Räder genommen.
Einmal durfte ich noch Pilot spielen und fuhr einfach längs über ein 2km langes Rollfeld eines - heute nicht mehr genutzten militärischen - Flugplatzes, welches wie aus dem Nichts aufpoppte und in die Nebenstrasse eingegliedert war. Und wir fragten uns noch was die "Achtung Flugverkehr" Schilder ein paar 100 Meter davor genau darstellen sollten...
Witzigerweise haben wir heute seit Tagen den mit Abstand wärmsten Tag: 16°C und die Sonne scheint, der Wind hat auch etwas nachgelassen, klar, wir sind ja auch nicht mehr an der Küste.
Umso skurriler wirken nun die immer noch teilweise zugefrorenen Seen. In Rovaniemi (FIN) war es nämlich bis vor wenigen Wochen in den Nächten noch bis zu -15°C kalt.
So, der LKW passt zwar nicht zum Thema, aber Stéphi hat ein neues Lieblingsmotiv... ähm ja apropos Sonne und Nacht, beziehungsweise eben nicht mehr Nacht!
Es ist unglaublich wie schnell hier die Tage länger werden je näher die Sommersonnenwende auf uns zukommt und je weiter nördlich wir uns befinden.
Pori (FIN)
13. Mai | Untergang: 22:11 Uhr | Tageslänge 17h 23min
14. Mai | Aufgang: 04:45 Uhr | Tageslänge 17h 28min
Himanka (FIN)
14. Mai | Untergang: 22:31 Uhr | Tageslänge 18h 16min
15. Mai | Aufgang: 04:11 Uhr | Tageslänge 18h 23min
Rovaniemi (FIN) |
15. Mai | Untergang: 22:59 Uhr | Tageslänge 19h 28min
16. Mai | Aufgang: 03:26 Uhr | Tageslänge 19h 36min
Vergleich:
Bern hat momentan eine Tageslänge von 15h 3min und gewinnt jeden Tag lächerliche 1-2 Minuten - Tendenz sinkend - pro Tag, während die Tage in Rovaniemi täglich um 8 Minuten länger werden, Tendenz stark steigend.
Am Nordkap ist die Sonne übrigens das letzte mal am 11. Mai um 00:40 Uhr aufgegangen und geht das nächste mal am 1. August um 23.46 Uhr unter. Wir erleben also in wenigen Tagen die Mitternachtssonne! 😍
Unser Campingplatz liegt heute direkt am Ufer des Flusses Kemijoki. Wenige Meter Flussaufwärts mündet der Ounasjoki in den anschliessend in die Ostsee fliessenden und mit 550km längsten Fluss Finnlands.
Rovaniemi (FIN) hat rund 65'000 Einwohner, wobei diese eben auf die gesamte Fläche verteilt sind. Rund 80% leben im eigentlichen Stadtkern. Nach einem kurzen Spaziergang über die Holzfäller-Fackel Brücke in die Stadt hinein, haben wir festgestellt: Abgesehen von ein paar freshen Hipster-Cafés und zwei drei Nachtclubs scheint es hier nicht wirklich viel zu geben... uns hat es jedenfalls nicht lange da gehalten und so hatte ich nun genügend Zeit zu schreiben.
Morgen früh geht's ins Weihnachtsmanndorf und dann schnurstracks weiter in die Region Kittilä (FIN).
15. Mai. 18:25 Uhr (Ortszeit)
Beim Weihnachtsmann über den Polarkreis und mit einem Glücksbringer weiter nordwärts...
Nach einem Besuch heute Morgen im Weihnachtsmanndorf in Rovaniemi (FIN) ging es heute in die rund 160km weiter nördlich gelegene Skiregion um den Berg Levi in der Gemeinde Kittilä (FIN).
Unterwegs begegnete uns ein besonders seltener Glücksbringer der samischen Mythologie.
UND: Endlich habe ich in einem Supermarkt gefunden, was ich seit Tagen hier in Finnland immer wieder gesucht habe: Poron nauhaut! Mehr dazu später im Foodblog...
Zugegeben der Besuch im Weihnachtsmanndorf war zwar - wenn man schonmal in Rovaniemi (FIN) ist - ein absolutes "Must-Do", ernüchterte es uns jedoch ein wenig. Dafür kann aber das Dorf an sich nicht viel, wir sind nur zur falschen Zeit am richtigen Ort.
Im Winter, wenn überall meterhoch Schnee liegt, alles dunkel ist und die Lichter leuchten muss es schon ein toller und besonderer Ort sein. Leider sind wir nun mitten in der Zwischensaison und die meisten Geschäfte, wie auch die Tiergehege mit Huskys, Rentieren und Pferden waren geschlossen beziehungsweise leer.
Das offizielle Postamt vom Weihnachtsmann und die Foto-Stube, wo man sich mit ihm ablichten lassen kann war aber offen. Im Postamt treffen jährlich Hunderttausende Briefe für den Mann mit weissem Krausebart ein und man selbst kann Grusskarten in alle Welt verschicken, datiert auf möglichst schnell oder Weihnachten 2025.
Trotzdem haben wir uns mit einigen hübschen Souveniers eingedeckt und uns vorgenommen im Winter hier noch einmal vorbeizuschauen. Dann wenn Husky-Schlittenfahrt und Schneemobiltouren wieder zu buchen sind!
Bei Booking kurz geschaut stellten sich mir zwar alle Haare zu Berge, als ich den Preis für ein paar Tage in einer kleinen Lodge gesucht und gefunden habe, aber da findet sich bestimmt mal eine Lösung!
Auf dem Weg in Richtung Sirkka (FIN) - dem Dorf am Fusse des Levi - begegnete uns, nach dem enttäuschenden Nichtvorhandensein der Tiere im Weihnachtsmanndorf, doch noch eines der typisch finnischen und insbesondere lappländischen Tiere.
Friedlich graste ein Rentier am Strassenrand und da der Verkehr hier mal wieder sehr bescheiden war hatten wir sogar Zeit einfach mitten auf der Strasse anzuhalten und es zu beobachten und zu fotografieren.
Und es war nicht einfach ein Rentier...
...es war ein weisses Rentier!
Nur etwa 3% aller Tiere weltweit sind weiss und diese werden in der samischen Mythologie als magische, glückbringende Wesen verehrt. Für die Samen sind jedoch alle Rentiere von grosser Bedeutung. Sie sind durch ihr Geweih direkt mit dem Himmel und dem Universum verbunden.
Ich weiss ich spreche schon seit einigen Tagen von diesem uralten Volk, den Samen... geschrieben habe ich immer noch nichts. Kommt davon, wenn man jeden Tag wieder neue Dinge sieht.
Morgen ist es aber so weit, versprochen!
Die Wintersaison beginnt im Skigebiet Levi im Oktober oder November und dauert je nach Schneelage meist bis Anfang Mai.
Der Berg Levi ist 531 Meter hoch - also eigentlich eher ein Hügel - und bietet insgesamt 27 Liftanlagen.
Es gibt 43 präparierte Abfahrten für Familien und auch für Fortgeschrittene mit insgesamt 45km Skipiste. Unter anderem natürlich auch der Weltcup Slalom. Die längste Piste ist 2,1km lang. Da es im Winter hier mehrheitlich dunkel ist, sind immerhin 15 Abfahrten beleuchtet.
Die Gondelbahn hat ihre Talstation auf 201 Meter, die Bergstation auf 503 Meter... wie gesagt: Hügel, nicht Berg.
Ausserdem gibt es hier im Gebiet rund 230km Langlaufloipen, davon 28km beleuchtet und 18km Schneeschuhwanderwege.
Des Weiteren gibt es in der Umgebung von Levi insgesamt 886km(!) Routen für Schneemobile.
Unser Campingplatz befindet sich in Sirkka (FIN), dem Dorf am Fusse des Levi. Anhand des Fotos erkennt man, die Skisaison ist nun auch hier zu Ende.
Übrigens Sonnenuntergang heute Abend: 23:33 Uhr.
Sonnenaufgang morgen früh: 03:00 Uhr.
Ergibt heute eine Tageslänge von 20h 27min und Morgen 20h 39min. Ab dem 28. Mai geht auch hier die Sonne nicht mehr unter.
In Finnland sind fast 74% der Landmasse bewaldet, das entspricht rund 5.6 mal der Fläche der Schweiz.
Einer der Hauptwirtschaftszweige seit jeher ist folglich logisch die Holzindustrie. Rund 20% der Umsätze gehen auf sie zurück und etwa 16% der Arbeitsplätze sind hier zu finden.
Jährlich werden 60 bis 70 Millionen Kubikmeter Holz geschlagen. Für ein durchschnittliches Einfamilienhaus benötigt man etwa 60m3. Das heisst mit dem Finnischen Holz könnte man jährlich rund 1'000'000 Einfamilienhäuser bauen. Hier werden ausserdem die meisten Häuser nach wie vor aus Holz gebaut.
Übrigens wächst ein Baum in Finnland etwa 60-80 Jahre, bis er abgeholzt wird, rund 20 Jahre länger als in Mitteleuropa. Aufgrund der Kälte ist das Wachstum um einiges langsamer als in unseren Breitengraden.
Abermals sind wir an einem ziemlich grossen und noch immer - zumindest an der Oberfläche - fast komplett zugefrorenen See vorbeigefahren, dem Immeljärvi, südlich von Sirkka (FIN) gelegen. Heute ist es mit etwa 12°C zwar etwas kühler als gestern, trotzdem erinnern nur noch die Seen und die vereinzelt herumliegenden dreckigen Schneehäufchen an den erst vor kurzem anhaltenden eisigen Winter.
Ich kannte ein ähnliches Bild schon von Fotos aus Schweden. Auch hier, insbesondere in den dünner besiedelten Regionen ist es üblich, seinen Briefkasten nicht etwa am Haus zu haben, sondern an der nächstgelegenen Strasse. So kann es sein, dass eine komplette Siedlung ihre Briefkästen an der Strasse aufstellt, welche einige hundert Meter entfernt verläuft. Hintergrund: Der Postbote wird es ihnen danken!
16. Mai 2025 | 15:55 Uhr (Ortszeit)
Ein uraltes Volk im Wandel der Zeit...
Nach einem reiseintensiven Tag und dem Besuch im Siida-Museum in Inari (FIN) habe ich nun eine Mammutaufgabe vor mir...
...ich möchte euch von dem Tag und all den vielen spannenden Eindrücken berichten, ohne dass ich die Website hier direkt sprenge.
Wir starten mit einem kurzen Überblick, wo es denn heute lang ging: In den ersten rund 3.5h unserer Fahrt ging es wie gewohnt nordwärts in Richtung Inari (FIN). Die - wie in einem früheren Post schon erwähnt grösste Gemeinde Europas - liegt etwas mehr als 1000km nördlicher als Hellsinki (FIN) am Ufer des Juutanvuono, einem der grössten Seen Finnlands. Wobei dieser See mit seinen über 3000 Inseln auf einer Karte eher einem Flusslabyrinth als einem stehenden Gewässer gleicht.
Hier angekommen besuchten wir das Siida-Museum, welches sich der Kultur und der Geschichte der Samen widmet. Darum soll es heute auch hauptsächlich gehen.
Über hügelige Strassen welche uns eher an Achterbahnen erinnerten ging es dann noch rund 50km weiter nordwärts bis zu unserem inmitten der Wildnis gelegenen Campingplatz.
Einzige Besucher nebst uns: Ein älteres Schweizer Ehepaar aus dem Kanton Waadt...
Die Besitzer sind ein polnisch-französisches Paar, welche nach Finnland ausgewandert sind und nun zwei Schweizer Camper beherbergen... wilde Geschichte.
Übrigens Sonnenuntergang heute Abend: 23:44 Uhr.
Sonnenaufgang morgen früh: 00:43 Uhr.
Somit ist das heute unser letzter Sonnenuntergang für einige Tage.
Es gibt schon archäologische Belege für die menschliche Besiedlung des Nordens Fennoskandinaviens aus der Zeit rund 10'000 v. Chr.
Die Domestizierung der Rentiere, wofür die Samen vor allem bekannt sind begann bereits rund 1'800 v. Chr.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurden drei verschiedene Gruppen von Samen unterschieden:
- Die Bauern Samen, die von Landwirtschaft lebten
- Die See Samen, die Fischfang und Jagd betrieben
- Die Fjällsamen, die einzig bis dahin nomadisch lebenden Jäger, das vor allem von der Jagd auf Rentiere lebte.
Heute gibt es übrigens keine wild lebenden Rentiere mehr, damals wurden die Tiere aber erst als Last- und Zugtiere eingesetzt. Es gibt zwar Belege für gezähmte Herden, waren diese jedoch noch viel kleiner als heute.
Erst die Verpflichtung zur Zahlung hoher Abgaben und die Leistung verschiedener Zwangsdienste für die fremden Landesherren führte zur Ausweitung der Rentierhaltung als hauptsächliche Lebensgrundlage, wahrscheinlich seit den 1540er Jahren.
Seit jeher wurden die Samen nämlich mehr oder weniger durch die Schweden, die Norweger, die Finnen oder die Russen unterdrückt und unterworfen.
Bereits mit den Wikingern wurde zwar Handel betrieben, allerdings gab es auch hier schon grössere Konflikte. Den meist gewalttätigen Wikingern begegneten die Samen oft mit List und Tücke, um ihre Verluste zu minimieren. Ich erinnere mich an die Serie Vikings, - welche zwar historisch nicht 100% korrekt, aber doch sehr empfehlenswert ist - in der die Samen der Schildmaid Lagertha beistehen, um sich gegen eine andere Wikingergruppierung unter Ivar dem Knochenlosen zu verteidigen. Die Samen kämpfen mit Blasrohr und Schleudern, mit Blättern und Zweigen getarnt im Wald aus dem Hinterhalt.
Im Mittelalter begannen die damaligen nordeuropäischen Staaten Dänemark-Norwegen und Schweden-Finnland, sowie Russland mit der Unterwerfung der Samen.
Erst waren es Steuern in Form von Naturalien, später wurden Geldsteuern immer populärer. Da die Staatsgrenzen im Norden noch nicht festgelegt waren, erhoben in weiten Teilen Lapplands gleichzeitig alle drei Staaten Steuern.
Seit den späten 1800er Jahren bis in die 1920er Jahre vertraten die Regierungen Norwegens und Schwedens die Auffassung, die „Samenrasse“ müsse bevormundet werden, da sie nicht in der Lage sei, eine höhere Kulturstufe einzunehmen.
Erst ab den 1940er Jahren begann man die Samen als eigenständige nationale Minderheit anzusehen und ihre Kultur zu unterstützen und zu schützen.
Dennoch gibt es bis heute immer wieder Konflikte mit den indigenen Einwohnern, meist mit Staaten aus der EU und fast immer geht es um Bodenschätze oder Abholzungen in den Gebieten der Samen.
In Schweden, Norwegen und Finnland gibt es zwar unterdessen Samische Parlamente, jedoch nur auf kommunaler Ebene ohne grosses Mitspracherecht.
Heute gibt es in ganz Fennoskandinavien rund 90'000-140'000 Samen. Rund zwei Drittel von ihnen leben in Norwegen.
Funfact zum Schluss:
In Schweden und Norwegen ist die Rentierhaltung ausschliesslich Samen vorbehalten.
In Finnland darf ist dies in keiner Weise eingeschränkt und jeder Dorftrottel darf theoretisch einige dieser spannenden Tiere halten.
Die Häuser der Samen:
Im Museum durften wir einige traditionelle Häuser der Samen betreten. Innen gab es einen steinernen Holzofen, einfachen Holztisch, -bänke und -betten, ausgelegt mit Rentierfell. Links neben dem Haus befindet sich ein kleiner Speicher. Unten in den Bildern findet ihr übrigens ein Haus, welches als Saune diente... und das im Jahr um 1800!
Die Zelte der Samen:
Für die Nomaden, also die Rentierhirten, war natürlich ein solches Holzhaus nicht praktisch und so wurden runde Zelte aus einem Holzgestänge und mit Rentierfellen bedeckt aufgebaut. In der Mitte eine Feuerstelle und rundherum wurde auf Zweigen und Blättern geschlafen.
Ein Schafstall der Samen
Wenn man für eine etwas längere Zeit an einem Ort blieb, baute man sich oft eine Art Höhle aus Holzstämmen als Gerüst und Erde, Moos und Gras als Fassage. Auf dem Bild ist ein Schafstall abgebildet. Offenbar hatten die Samen also auch wollige Begleiter bei sich.
Die Stallungen der Rentiere:
Für die Rentiere wurden sogar Ställe errichtet, bestehend aus - wer hätte es gedacht - Holzstämmen, Erde und Moos zur Isolierung. Tröge aus Holzbrettern oder ausgehölten Baumstämmen funktionierten sowohl für Trinkwasser, wie auch für Futter.
Verteidigung gegen Raubtiere:
Die schlimmsten Feinde für Rentiere waren Wölfe. Aber auch Vielfrasse, Bären oder Füchse konnten besonders Jungtieren gefährlich werden. Die Samen waren sehr einfallsreich was Fallen angeht. Es gab Schling-, Gruben-, Klemm-, oder Quetschfallen, wie auf dem Bild. Diese ist gross genug um einen ausgewachsenen Bären einzuquetschen.
Fortbewegung der Samen:
Um im tiefen Schnee und der eisigen Kälte möglichst energieschonend und schnell voranzukommen bauten die Samen Schneeschlitten aus Holz. Diese glichen eher einem kleinen Boot und wurden oft von Rentieren oder Hunden gezogen. Es gab auch Schlitten, die fast aussahen wie eine Art Truhe, die mit einen Kippdeckel versehen waren um Lebensmittel zu transportieren.
Unten findet ihr nun noch eine ganze Sammlung von Bildern vom Museum, unserer heutigen Reise und dem bescheidenen aber tollen Campingplatz. Morgen geht es dann weiter nach Norwegen und am Montag ist es endlich soweit, der Wendepunkt, das Ende Europas ist erreicht: Das Nordkap!
(Das Rentier und das Eichörnchen sind echt... die anderen waren ausgestopft im Museum...)
17.05.2025 | 18:30 Uhr (Ortszeit)